Vier Ulmer wollen bei der EM in Berlin "ein geiles Ding machen"

Die vier Ulmer EM-Starter mit ihren Trainern Christopher Hallmann, Wolfgang Beck und Jürgen Austin-Kerl

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„Mächtig stolz und glücklich“ präsentierten Abteilungsleiter Wolfgang Beck und sein Stellvertreter Florian Wacker bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz gleich vier Ulmer, die sich für die Heim-Europameisterschaften im Berliner Olympiastadion qualifziert hatten. Stefanie Dauber, Alina Reh, Arthur Abele und Mathias Brugger zeigten aber nicht nur den tollen Querschnitt, den die Ulmer Leichtathletik inzwischen zu bieten hat. Die anwesenden Medienvertreter erfuhren auch Geschichten hinter den Qualifikationsnormen, die weit über die leicht auf ein paar Zahlen zu reduzierende Sportart hinausgehen. Über Verletzungen, Selbstzweifel und Überraschungen, vor allem aber über Leidenschaft für eine Sportart, die enorm viel verlangt, ihre Protagonisten aber nur auf höchstem Niveau mal ins Rampenlicht trägt.

 

„Unbekanntes, 30 Jahre junges Flugobjekt“

 

Die Überraschung schlechthin war sicher die Nominierung von Stefanie Dauber, die SZ-Redakteur Jürgen Schattmann als „unbekanntes, 30 Jahre junges Flugobjekt“ bezeichnete. Warum sie in einem Alter, wo andere den Sport längst für ihre berufliche Karriere eingestellt haben, und nach zwei Kreuzbandrissen sich durchgequält und unter Wolfgang Beck vom „Niemandsland“ von 4 Metern jetzt auf 4,45 m verbessert hat? „Stabhochsprung ist Steffis Leben“, versuchte Beck Daubers Leidenschaft zu erklären, mit der sich kontinuierlich verbessert hat und ihre Leidenschaft Woche für Woche auf einem oder zwei Meetings auslebt. Nachdem sie sich um 4,30 stabilisiert und schon die ersten Versuche auf 4,45 gestartet hatte, „war die Hoffnung immer da, die Norm zu springen“. Dass sie das genau zum richtigen Zeitpunkt, bei den Deutschen Meisterschaften in Nürnberg, schaffte und damit alle Kriterien für ihre Nominierung auf einmal erfüllte. Dauber hat die Chance beim Schopf gepackt und will dieser Sternstunde ihrer Karriere in Berlin eine weitere anfügen, indem sie auch die Quali fürs EM-Finale der besten Zwölf packt.

Mit Alina Reh hatte dagegen im Vorfeld jeder gerechnet. „Sie war im Trainingslager so gut drauf wie nie“, versicherte ihr Trainer Jürgen Austin-Kerl. Doch dann kamen die Schmerzen und die niederschmetternde Diagnose Ermüdungsbruch im Wadenbein. Doch das Fünkchen Hoffnung war immer da und so warf sich Alina mit Orthese am Fuß sofort wieder ins mögliche Training im Wasser und verbrachte fortan bis zu zehn Stunden am Tag mit Aquajogging und allem, was schmerzfrei möglich war, um die Ausdauergrundlagen zu erhalten. Für eine „Sportsüchtige“, wie Alina sich beschreibt, ein schwieriger Zustand. Für ihre Familie auch: Das schwäbische Wort „oleidig“ ist wahrscheinlich nur eine sanfte Umschreibung für ihre Laune(n) während der Laufpause. Am Pfingstmontag fällten Austin-Kerl und Reh die Entscheidung, die 10.000 m-Quali anzugreifen, die ihnen von der Belastung her einfacher zu sein schien. Mit 32:17 Minuten erledigte Alina das souverän. Die Zuversicht war wieder da, und so soll es dann in Berlin auch noch schneller und unter die ersten Fünf gehen.

 

Gemeinsam in Berlin „ein geiles Ding machen“

 

Wie wichtig die Rolle des Trainers in diesen Verletzungsphasen ist, stellte Mehrkampf-Coach Christopher Hallmann noch mal heraus: Noch näher an den Athleten ranrücken, ihn „auffangen“, ihm mit alternativen Trainingsmethoden und dem gezielten Arbeiten an den Schwächen auch die Perspektiven aus der Verletzung heraus klarzumachen. Das bestätigte auch Zehnkämpfer Arthur Abele, der nach dem Hoch 2016 wieder eineinhalb Jahre mit Verletzungen und Erkrankungen zu kämpfen hatte, um dann bei seinem „Lieblingswettkampf“ in Ratingen wieder eine Top-Leistung abzurufen und die Rolle eines Medaillenkandidaten für Berlin zu schlüpfen. Neben Trainer und Familie war es auch die Trainingsgruppe, die Abele „pushte“. „Da kann man sich nicht hängen lassen, sonst kriegt man von den Jungen, wie den Neu-8000ern Tim Nowak oder Manuel Eitel, eine übergebraten“.

Zu der starken Truppe, die unter Hallmann jetzt schon die internationalen Teilnahmen 16 und 17 für sich verbuchen kann, gehört auch Mathias Brugger. Nach seiner verletzungsbedingten Aufgabe bei der WM in London im vergangenen Jahr wurde auch das Trainingsjahr des bald 26-jährigen von vielen alternativen Aufgaben und wenig Sprüngen geprägt. Dennoch gab es keine Unsicherheit, sondern einen klaren Plan, der mit dem Coach für das Meeting in Götzis ausgetüftelt war. Brugger genoss die besondere Atmosphäre des Meetings in Vorarlberg und ließ sich nicht einmal von einem Stabbruch von seinem Ziel abbringen. „Da gab es kein Zögern, ich hab erst nach dem nächsten (gültigen) Sprung registriert, was passiert war“, schilderte Brugger die heiklen Minuten seines Quali-Zehnkampfes, der mit Bestleistung von 8.304 Punkten endete. Gemeinsam wollen Abele und Brugger auch in Berlin „ein geiles Ding machen“. Die beiden sind gut aufeinander eingespielt und können sich gegenseitig antreiben. Selbst für den abschließenden 1.500 m-Lauf, eine Stärke der beiden, gibt es schon einen klaren Plan. Und wenn dann Alina Reh 45 Minuten zuvor ihren Lauf zu einem guten Ende gebracht haben wird, dann wird es in Berlin tatsächlich eine „Ulmer Stunde“ geben, die man so sicher nicht erwarten durfte, zu der Leidenschaft und schwäbische Gründlichkeit aber ganz viel beigetragen haben.

 

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